Aufbruch von der Erde
Um 04:17 riss ein bestätigter Unfallalarm Harlan Iver aus dem Schlaf.
TRANSIT SÜDOST / TERRA-NOVA-VORGRUPPE BETROFFEN / MEHRERE VERLETZTE
Draußen schlug Regen gegen die Fassade seines Apartments. Er berührte den dunkelgrünen Punkt an seiner linken Schläfe. Das Persönliche Kommunikationsmodul, das PKM, im Alltag der Fleck, öffnete den Einsatzkanal. Er formulierte eine Empfangsbestätigung, ohne den Mund zu öffnen. Über denselben Fleck schaltete er die Kaffeemaschine ab, die er eben erst angestellt hatte.
Er stieg in dunkle Reisekleidung mit eingearbeiteter Sicherheitskennung. Der Stoff spannte über breiten Schultern und Rücken. Auf seinem Kofferwürfel lag der alte Metallstift seines Vaters unter der Halteschlaufe. Er steckte ihn in die Innentasche, nahm den Koffer und schickte seine Kennung als Sicherheitschef der Terra Nova an die örtliche Einsatzleitung.
Unten roch Singapur nach Regen und feuchtem Grün. Über einem Eingang drehte sich ein dampfendes Frühstücksgebäck, daneben stand ein Preis. Eine Reiseschneiderei ließ einen Mantel im Regen auseinanderfalten; durch den Stoff hindurch fuhr ein Lieferroboter. Zwischen den Angeboten liefen Ortsnamen, freie Halteplätze und die farbigen Wege zum Raumhafen durch seine Linsen.
Er blendete die Anzeigen aus und prüfte den Weg. Zwischen den Häuserfronten lagen beleuchtete Schneisen. Wege führten durch begrünten Boden, Regen sammelte sich unter alten Bäumen. Die Eingänge waren unbeschriftet. Wo eben das Gebäck geschwebt hatte, trat eine Frau mit einer Papiertüte durch eine schlichte Glastür. Werbung und Verkehrszeichen hatten nur in seinen Linsen gestanden.
Zwischen den alten Bäumen standen Persokugeln dicht hintereinander. Ihre Haltefelder summten. Menschen gingen an ihnen vorbei, bis ein Absperrlicht in seinen Linsen aufsprang und die Fußgängerführung quer durch die wartenden Kapseln wies.
»Nicht dazwischen«, rief Harlan.
Köpfe fuhren herum. In der Öffentlichkeit rief niemand mehr; man sprach über den Fleck. Eine Stimme, die ohne Fleck über einen Platz ging, gehörte einem Betrunkenen oder einem Unfall.
Ein junger Mann mit gelber Botentasche fasste eine ältere Frau am Ellenbogen und hielt sie zurück. Am Ende der Reihe setzte sich eine Kugel ruckartig in Bewegung, bremste vor einer anderen und blieb schräg über dem Kanalrand hängen.
»Da vorn ist noch jemand drin«, sagte der Junge. Er zeigte auf eine Kapsel, deren Einstieg gegen die Stütze eines begrünten Vordachs gedrückt war. »Die Tür geht nicht ganz auf.«
Scout-Anwärter, meldete die Linse. Tom Bischhoff, neunzehn, Terra-Nova-Vorgruppe.
»Halten Sie die Leute aus dem Kanal, Bischhoff.«
Harlan ging zur verkanteten Kapsel. Im Inneren saß eine Kyshana. Ihr heller Schutzmantel klemmte im Einstieg, darunter glänzte der Schutzfilm auf ihrer Haut. Voluminöses, kupferhelles Haar hing ihr ins Gesicht. Das linke Handgelenk presste sie an den Bauch.
»Zurück«, sagte sie, als er die Tür anfasste. »Die drückt auf meinen Arm.«
Er ließ los und suchte den mechanischen Entlaster. Hinter ihm krachte Gepäck auf den Boden. Eine Gruppe Fußgänger hatte zwischen zwei entgegengesetzten Pfaden umgedreht; ein Mann lag unter einer Rollkiste, seine Begleiterin schrie nach Hilfe.
»Personenlenkung abschalten«, sagte Harlan über den Einsatzkanal. »Südost komplett, auch die zwischengespeicherten Ziele.« Die persönlichen Linien blieben stehen.
Am Kanal knirschte Metall. Die schräg hängende Kugel rutschte über die Kante, schlug mit der Unterseite aufs Wasser und kippte. Hinter der Scheibe drückte eine Hand gegen das Glas, schmal, mit dem Glanz von Schutzfilm. Im nächsten Augenblick lag die Kugel auf der Seite, und die Hand war unter Wasser.
Zwei Passanten sprangen hinterher. Das Wasser reichte ihnen bis zur Brust. Sie zerrten am Einstieg, der jetzt nach unten zeigte.
Harlan machte einen Schritt zum Kanal.
Hinter ihm schlug die Kyshana mit der Rechten gegen die Innenwand.
»Hier.«
Da schob sich eine schmale Medizinoffizierin neben ihn. Dunkle Haare mit einer Medklammer zurückgesteckt, Reisemantel offen, eine Diagnosefolie zwischen den Fingern. Schmale Hände, kurze Nägel, eine helle, sauber optimierte Narbe am linken Daumenballen. Die Linse ergänzte: Liora Ashan, Mehrspezies-Freigabe.
»Hält die Kapsel?«, fragte sie.
Harlan legte den örtlichen Halter ein und prüfte dessen mechanische Anzeige. »Jetzt.«
Die Ärztin schob die Diagnosefolie durch den Türspalt. »Wie heißen Sie?«
»Rheya Namar. Machen Sie auf.«
Die Aufnahme zeigte einen Bruch nahe dem Handgelenk. Rheyas Atem ging stoßweise. An der Innenseite ihres Oberarms lief eine dunkle Druckstelle bis unter den Mantel.
»Der Rand kommt noch zwei Zentimeter auf Sie zu«, sagte Harlan. »Danach kann ich die Tür wegheben.«
Rheya presste den Hinterkopf gegen das Polster. »Tun Sie es.«
Harlan löste die Tür aus der Halterung; ihr Gewicht riss ihn nach vorn, bis der Stützarm der Kapsel griff. Liora beugte sich durch den freigelegten Einstieg und stützte Rheyas verletzten Arm. Rheya schrie ihr ins Gesicht, schlug mit der freien Hand nach ihrer Schulter, bekam den Mantel zu fassen und verdrehte ihn.
Rheya würgte. Zwischen ihren Lippen hing Speichel. Die Ärztin blieb über sie gebeugt, den befreiten Arm zwischen den Handflächen.
»Nicht noch einmal«, brachte Rheya heraus.
Tom stand hinter der abgesperrten Linie. »Was brauchen Sie?«
»Wandstation. Xeno-Unfallpack. Orange.«
Er rannte los.
Die Kyshana sah an ihr vorbei zu Harlan. »Ich saß schon, als die Kugel querfuhr. Da war noch Platz, und auf einmal stand die andere da.«
Auf der Statuskante stand TRANSFER EIGENSTÄNDIG / GEHFÄHIG. Darunter erschien ein menschliches Belastungsprofil.
»Ihre Kapsel führt einen falschen Körperdatensatz.«
Rheya hob den Arm. »Das hier ist meiner.«
Tom kam mit dem orangefarbenen Pack. Liora wies auf die Druckstelle am Oberarm. »Den Mantel muss ich sehen. Und wo der Gurt gesessen hat.«
Rheya öffnete den Mantel mit der gesunden Hand, ohne zu zögern, und schob ihn von den Schultern bis auf den Sitz. Darunter trug sie nur den Schutzfilm, der im Regenlicht glänzte wie eine zweite, nasse Haut. Tom drehte sich so schnell weg, dass er gegen die Absperrung stieß. Zwei Passanten hinter ihm starrten.
Liora sah hin, weil sie hinsehen musste. Die Haut war dunkelgolden und vollkommen unbehaart, über Rippen und Bauch liefen feine Wärmelinien, die sich in der Morgenkälte zusammenzogen. Quer über die Hüften zog sich der Abdruck des Sicherheitsgurts, eingestellt für ein menschliches Becken, zu tief und zu fest, bis an die Innenseite des Schenkels. Dort zeigte die Diagnosefolie die höchste Temperatur des ganzen Körpers, und Liora wusste nicht, ob das eine Prellung war oder normal. Alles andere, was anders war, schob sie für später beiseite.
Liora hatte die Bilder in der Ausbildung gesehen. In einer verkanteten Kapsel im Regen sahen sie anders aus.
Rheya folgte Toms Rücken mit dem Blick, dann den beiden Passanten, und wandte sich wieder Liora zu. »Der Mantel ist für euch, nicht für mich. Ihr friert beim Hinsehen.«
Liora tastete den Gurtabdruck ab, von der Hüfte bis zum Schenkel, ohne den Blick zu senken. »Tut das weh?«
»Nur da, wo eure Kugel gedacht hat, ich sei wie ihr.«
Liora markierte die Stelle für die Stadtmeldung. Sie nahm die Stützhaut heraus und legte sie um das gebrochene Handgelenk. Die Versorgung passte sich an die Aufnahme an; die Kyshana ließ erst nach mehreren Atemzügen den Kopf sinken.
»Ich habe den anderen Wagen gesehen«, sagte Tom zu Harlan. »Er ist vor dem Zusammenstoß stehen geblieben. Die Leute dahinter nicht.«
Bei der Rollkiste hatten zwei Passanten die Last angehoben. Ein Sanitätsroboter kniete neben dem Mann, zwei Arme auf seiner Brust, und drückte im Takt. Die Begleiterin hielt die Hand des Mannes und zählte mit, zu schnell.
Am Kanal hatten sie die Kugel ans Ufer gezogen. Der Einstieg stand offen. Niemand beugte sich mehr hinein.
Harlan blieb bei der Kapsel. Die Kugel hatte Rheya für einen Menschen gehalten und so gebremst, wie man einen Menschen bremst. Er ließ die Lenkdaten sichern, bevor jemand sie bereinigen konnte.
Auf dem öffentlichen Kanal sprach bereits eine Kyshana-Vertreterin. Sie stand neben der Kugel aus dem Kanal und wiederholte den Namen des Toten, Tovan Sareth, damit die Aufzeichnung ihn aufnahm, und zeigte die Aufnahme von Rheyas Arm.
»Wir haben unsere Daten gegeben. Ihr habt andere benutzt.«
Die Terra-Nova-Abfertigung strich den nächsten Sammelaufruf. Registriert waren elf Verletzte und drei Tote: der Mann unter der Rollkiste, der Tote aus dem Kanal und eine Frau aus der Fußgängerführung, die niemand hatte fallen sehen.
Harlan übergab den Unfallbereich an die Stadt und holte seinen Koffer hinter der Bank hervor. In seiner Meldung an Kapitän Narwig stand an erster Stelle die zivile Anpassungsroutine, die einer Kyshana einen menschlichen Körper zugeschrieben hatte. Den Metallstift seines Vaters hatte er beim Schreiben in der Faust gehalten, ohne es zu merken.
Zwei Straßen weiter, wo die Fußgängerführung in eine Wartezone mit faltbaren Abtrennungen mündete, kniete ein Mann zwischen umgestürzten Wänden. Niemand sah zu ihm hin; alle sahen zum Kanal.
Der Reisende vor ihm lag auf dem Rücken, die Augen halb offen, quer über der Brust den Abdruck einer Rollkistenkante. Der Mann legte zwei Finger an dessen Hals, wartete und nahm sie wieder weg. Er las die Reisekennung, die über dem Handgelenk des Toten noch leuchtete.
Terra Nova. Einzelticket. Keine Mitreisenden.
Er öffnete die Buchung ein zweites Mal. Hinter den Abtrennungen zählten Sanitätsroboter Verletzte, und irgendwo rief eine Frau einen Namen, immer denselben.
Der Mann schob dem Toten die Arme unter die Schultern und zog ihn aus der Wartezone in einen Versorgungsgang, den keine Linse anzeigte. Den Koffer nahm er mit.
Die Stadt registrierte drei Tote. Der vierte stand auf keiner Liste.
Elin Arcos saß auf ihrem Koffer und schrieb den letzten Satz ihres Vaters zum dritten Mal ab.
Alpha-Zwei. An der Glaswand, sobald die blaue Docklinie weiß wird. Ich bin dort.
Das Papier war dünn und an den Rändern schon weich. Nachrichten aus Atulia durften auf privaten Geräten nicht dauerhaft gespeichert werden, wenn sie aus dem Dienstbereich ihres Vaters Levan kamen. Nach vierundzwanzig Stunden löschte der Familienkanal Bild und Stimme. Levan nannte das Schutz. Elin nannte es nur dann so, wenn er mithörte.
»Du verbrauchst eine ganze Seite für einen Satz«, sagte ihr Bruder Davin. Er stand über ihr, sechzehn und seit dem letzten Wachstumsschub ständig überrascht davon, wo seine Knie und Ellbogen endeten.
Die Abflughalle lag unter einem Dach aus lebendem Grün. Wasser rann an den Pflanzenwänden herab, fing das Sonnenlicht und roch beinahe wie richtiger Regen. Hinter der Glasfront stiegen die Shuttles senkrecht aus den Startschächten. Jedes verschwand in einer weißen Wolke.
Hunderte redeten, und die Halle blieb ruhig. Elin hatte die offene Ebene ihres Flecks auf zwei Meter gestellt; was weiter weg gesagt wurde, kam als Rauschen an. Familien sprachen im eigenen Kreis, auch Schulter an Schulter. Nur die Aufrufe legten sich über alles.
Ihre Mutter Mireya kam vom Gepäckschalter zurück, im dunklen Reisekleid, schlicht genug für eine Kolonistin und trotzdem auf ihren Körper geschnitten. »Vier Kilo zu viel.«
Sie öffnete den Koffer. Oben lagen zwei Paar Schuhe in weichen Hüllen, darunter Kleidung, versiegelte Familienunterlagen und eine flache schwarze Schatulle mit dem Atulia-Zeichen. Mireya nahm die Schuhe heraus, wog sie gegeneinander und stellte das schwerere Paar neben einen Abfallbehälter.
Elin hob es wieder auf.
»Die waren von Großmutter.«
»Sie waren für einen anderen Boden.«
»Der neue Boden wird auch unten sein.«
Mireya war nahe daran zu lachen. Sie nahm Elin das Paar ab, öffnete eine Seitennaht des Koffers und holte zwei versiegelte Kaffeepakete hervor.
»Davin.«
Er steckte die Pakete unter sein Hemd. »Ich sehe überhaupt nicht verdächtig aus.«
»Du siehst immer verdächtig aus. Das macht es weniger auffällig.«
Die Schuhe passten in die Lücke. Mireya schloss den Koffer und rieb Elin mit dem Daumen einen Tintenfleck von der Wange.
»Du machst es größer.«
Mireya betrachtete die blaue Tinte auf ihrem Daumen. »Dann bleiben wir jetzt beide so.«
Vor ihnen verlor ein kleiner Junge ein Spieltier aus Metall unter die Absperrung. Elin kroch hindurch, bekam es zu fassen und lief der Mutter nach, die ihn schon weiterzerrte.
Als Elin zurückkam, stand eine andere Familie vor ihrem Koffer. Mireya hatte den Griff nicht losgelassen. Ihr Lächeln zeigte Zähne und sonst nichts.
»Unsere Stelle.«
Der Mann vor ihr zeigte auf die Lücke. »Sie war frei.«
»Jetzt nicht mehr.«
Er musterte Mireya, danach Davin mit den Kaffeepaketen unter dem Hemd und zuletzt Elin, und ging einen Platz zurück.
Mireya holte Elin an ihre Seite. Durch den Reisestoff roch Elin den vertrauten Duft ihrer Haut.
»Wenn du eine Lücke lässt, nimmt sie jemand«, sagte sie.
»Der Junge hätte sein Tier verloren.«
»Und ich habe die Koffer«, sagte Mireya. »Bleib in Sichtweite, Elin.«
Die Linie setzte sich in Bewegung.
Elin nahm das Heft noch einmal heraus. Auf der ersten Innenseite stand Levans alte Regel, in seiner Handschrift vom letzten gemeinsamen Winter:
Wer? Was? Bis wann? Woran erkennen wir es?
Beim Abendessen hatten sie damit gespielt. Levan ließ keine Frage aus; nur bei seinen eigenen Antworten erklärte er manchmal die Spielzeit für beendet. Elin hatte die offenen Runden hinten im Heft notiert.
»Hat er einen Zugangscode geschickt?«, fragte Mireya.
»Er wartet an der Glaswand.«
»Das war nicht meine Frage.«
Elin blätterte zurück. Kein Code.
»Vielleicht braucht er keinen.«
Mireya sah zur nächsten startenden Fähre. »Levan braucht selten einen Code. Die Menschen hinter den Türen meistens schon.«
»Er ist seit sechs Monaten dort. Für uns.«
»Für die Terra Nova.« Mireya nahm den Koffer, fester als nötig. »Wir dürfen trotzdem froh sein, wenn er wartet.«
Elin steckte das Heft in die Innentasche. Als ihre Gruppe aufgerufen wurde, ging Mireya zuerst, Davin mit den verborgenen Kaffeepaketen hinter ihr. Elin folgte. An der Schleuse atmete sie noch einmal tief ein; von den Pflanzenwänden kam nasser, grüner Geruch, bis Davins Tasche gegen ihren Rücken drückte.
Am Rand des Aufrufbereichs stand ein Mann im dunklen Verbindungsmantel. Er beachtete die Shuttles nicht. Sein Blick ging von Mireyas Hand am Koffer zu den beiden Ausbeulungen unter Davins Hemd und blieb zuletzt auf Elins Innentasche liegen. Die schmalen Hände ruhten vor seinem Körper. An der Schläfe saß ein blasser PKM-Fleck.
Elin drückte das Heft an den Bauch. In der Linse des Mannes flackerte etwas.
»Komm.« Mireyas Stimme kam über den Familienkreis, dicht am Ohr.
Als Elin die Schleuse betrat, stand er noch dort.
Sie schrieb nichts davon auf.
In Vega würde sie es ihrem Vater erzählen.